15. Januar bis 4. März 2012


Wolfgang Mattheuer - "Solange die Sonnen noch nicht im Schwarz ersaufen..."

Rund 80 Arbeiten auf Papier von Wolfgang Mattheuer (1927-2004) aus der Sammlung Peter Mathar.

Vorwort aus dem Katalog zur Ausstellung:

Wer Wolfgang Mattheuer ausstellt, ruft zwangsläufig die Zeitgeschichte auf. Schließlich ist der Großteil des Werks zu Zeiten der Existenz der DDR entstanden. Und die von Mattheuer selbst so genannten „Problembilder“[1] sind ein beträchtlicher Teil des Gesamtwerks.

Er, der sich dagegen sträubte neben Bernhard Heisig und Werner Tübke zum Gründervater der sogenannten Leipziger Schule stilisiert zu werden, als habe unter diesen berühmt gewordenen Künstlern Einigkeit über den künstlerischen Weg geherrscht, ist unter den prominenten Malern der DDR der beim breiten Publikum unbekannteste: Von ihm bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung des begonnenen 21. Jahrhunderts ausgerechnet eine Skulptur - der Jahrhundertschritt (Abgüsse u.a. in Berlin, Bonn, Leipzig, Stiftung Moritzburg). Wolfgang Mattheuer war Mitglied der SED (von 1958 bis 1988), aber nie ideologiegetriebener Kulturfunktionär. Künstlerische Inspiration suchte er bei C.D.Friedrich und Goya, bei Beckmann, Otto Pankok und Hofer, natürlich bei den im Osten Deutschlands überaus opportunen Vorbildern Fernand Léger, Renato Guttuso oder dem Picasso der Guernica-Phase (denn letzterer war vorübergehend, die Erstgenannten sogar langjährig Mitglieder der Kommunistischen Partei). Wenn ein gewichtiger Teil des Werks anspielungsreich wie sublim die kritische Zeitgenossenschaft Mattheuers widerspiegelt, so wird diese Haltung ausponderiert von den zahlreichen „Erholungsbildern“, bemerkenswerterweise vielen, die die Reichenbacher Heimat in den Blick nehmen. Trotz des gegenüber der Macht erstrittenen Privilegs vielfacher Reisen ins In- und Ausland fühlte er sich doch immer wieder nur ganz geborgen in der Reichenbacher ‚Welt in der Nussschale’ seiner vogtländischen Heimat. Heinz Schönemann (Potsdam) bringt es auf den Nenner, wenn er Mattheuers Haltung mit der Formel Kosmopolitischer Provinzialismus belegt. Diese Einschätzung stützt sich explizit auf eine Aussage Wolfgang Mattheuers, die er in einer Rede zu einer Ausstellung am 3.10.1984 in Mylau formulierte, einem Ort in der Nähe des Geburts- und Lebensortes Reichenbach im Vogtland: „Die ganze Welt als Heimat schafft sich keiner. Aber wer die Heimat als ein Stück Welt begreift, kann ein Weltbürger sein.“

Eine Ausstellung von Wolfgang Mattheuer kann den einen oder den anderen Aspekt in den Mittelpunkt stellen. Oder man hat das Glück, sich der größten privaten Sammlung von Mattheuer-Arbeiten auf Papier bedienen zu können, der Sammlung von Peter Mathar. Denn dann lassen sich beide Schwerpunkte des Oeuvres gegenüberstellen. Dem Sammler sei herzlich dafür gedankt, dass er es zuließ, sich innerhalb seiner Sammlung frei zu bedienen, um diese Auswahl zu treffen.

Last but not least ein großer Dank an Claus Pese, ehemaliger Oberkustos des Germanischen Nationalmuseums, der sich bereits mit Malern wie Heisig oder Sitte intensiv befasst hat, für seinen Katalogbeitrag.

Hans-Peter Miksch


[1] Tagebuch 16.3.1975. W.M., „Äußerungen“, 1990 Berlin

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