10.10. bis 8.11.2015
Skin Stories - Tattoo & Kunst

So schnell heute Botschaften im Sturm der neuen Medien vorüberziehen, so dauerhaft sind die Zeichen eines anhaltenden konträren Trends: Tattoos. Dabei geht es um mehr als um Haut als menschliche Leinwand. Durch konzeptionelle Verwendung wird die Tätowierung aus dem Kontext der Popkultur heraus gehoben. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit Schmerz, Stigmatisierung und Sinnaufladung, auch Kitschmotive haben ihren Reiz. Nicht zuletzt sind das Tätowieren und das Tätowiert-Werden sinnliche Erfahrungen.


Das Wesen der digitalen Kommunikation ist Schnelligkeit und Flüchtigkeit. Twitter, sms, what’sApp, facebook & Co. leben von kurzen, aber auch rasch veralteten Nachrichten. Analoge Botschaften gelten dagegen nach wie vor als dauerhaft. Tätowierungen sind dabei sicher die extremste Form gespeicherter Mitteilungen und Geschichten, die uns ihre Träger subkutan erzählen - und dies ein Leben lang. Im Rahmen des Großraumprojektes „net:works. Kultur und Öffentlichkeit zwischen analog und digital“ setzt die Ausstellung „Skin Stories. Tattoo & Kunst“ einen Kontrapunkt zum digitalen Fokus des Festivals.

Auch wenn Tattoos Beständigkeit und Unveränderlichkeit eigen sind, sind sie - abhängig von ethnologischen, rituellen, soziologischen oder sozialen Zusammenhängen - in allen Kulturkreisen auch einem kulturellen Bedeutungswandel unterworfen. Galt ein Tattoo vor nicht allzu langer Zeit noch als Rebellion gegen den kleinbürgerlichen Konformismus, ist es heute ein weitgehend akzeptierter Teil der Popkultur, seine Tattoos öffentlich zu zeigen. Und längst haben Künstler und Grafikdesigner die menschliche Haut als Leinwand für Motive entdeckt, die ihre Träger zum Kunstwerk machen sollen. „Skin Stories. Tattoo & Kunst“ widmet sich diesem Aspekt von Tattoos.

Die Diskussion um die Anerkennung von Tätowierungen als Kunst, zumindest im Sinne eines erweiterten Kunstbegriffs, wird kontrovers geführt. Dass nicht jede Tätowierung gleich Kunst ist, versteht sich beim Anblick so manches hochgekrempelten Ärmels von selbst. Der Schlüssel zur Kunst kann im Motiv selbst liegen oder aber in der konzeptionellen Verwendung.

Die logische Folge des einsetzenden Tattoo-Booms ist eine Ausdifferenzierung der Stilrichtungen, um den Motiven ein Maximum an Individualität und Persönlichkeit abzutrotzen. Paco Graves vom Nürnberger Studio Farbulös beispielsweise spielt in seinen Entwürfen mit der mittelalterlichen Tradition des Holzschnitts. Mit Realistic Trash Polka haben Volker Merschky und Simone Pfaff aus dem Würzburger Buena Vista Tattoo Studio dagegen einen recht freien Stil ins Leben gerufen und klugerweise gleich patentieren lassen. Wer einen Blick auf die internationale Szene herausragender Tattoo-Artists werfen möchte, sieht deren Arbeiten in einer Videoprojektion zur zeitgenössischen Tattoo-Kunst in Szene gesetzt.

Timm Ulrichs erklärte sich bereits 1961 zum ersten lebenden Kunstwerk und ließ zehn Jahre später die eigene Signatur, gewissermaßen als Echtheitszertifikat, auf den linken Oberarm tätowieren. Dem folgten weitere Tätowier-Aktionen im Sinne jener von ihm geforderten Totalkunst, welche die Person des Künstlers und Kunstwerk als eine Einheit postuliert.

Neben einer Grafikserie kitschig anmutender Standard-Motive aus Musterbüchern sind zwei seiner bekannten Tattoo-Werke in der Ausstellung als Filme zu sehen: Die Worte „The End“ auf seinem rechten Augenlid versinnbildlichen den Abspann zum ultimativ letzten Film. Mit dem Schriftzug „© by Timm Ulrichs“ stellt er die Urheberschaft an sich selbst als lebendem Kunstwerk heraus.

Dass Tätowierungen trotz ihrer Allgegenwärtigkeit keineswegs an Schlagkraft eingebüßt haben, zeigt die Herangehensweise des belgischen Konzeptkünstlers Wim Delvoye. Seine großflächig tätowierten, präparierten Schweine sind eine Provokation und führen eine unangenehme Vergleichbarkeit von Mensch und Tier vor Augen. Die häufig künstlich mit Bedeutung aufgeladenen Tätowierungen werden banalisiert, ihnen wird der Anspruch auf Exklusivität genommen. Mit der Konservierung und Zurschaustellung nach dem Tode wird die funktionale Verwendung des Schweins als Bildträger auf die Spitze getrieben. Delvoyes radikale Haltung kann in der Ausstellung am Exponat „Donata“ nachvollzogen werden.

Genauso eindrücklich gelingt es der australischen Wahlberlinerin Natascha Stellmach, den Blick auf die gängige Tattoo-Praxis zu schärfen. Im Vordergrund ihrer aktuellen Position „The Letting Go“ steht die Aufladung mit Inhalt. In einer halböffentlichen Performance findet sie gemeinsam mit einem oder einer Freiwilligen einen Begriff für das, was der oder die Betroffene loslassen möchte. Indem sie das chiffrehafte Wort als Bloodline-Tattoo, einer tintenlosen Tätowierung, sticht, die im Laufe der üblichen Wundheilung verblasst, setzt sie sich mit der Verletzbarkeit von Körper und Seele und deren Heilung auseinander.

Ganz andere Sinne weiß der Schweizer Mario Marchisella in seiner Audioinstallation „it was the best of times“ anzusprechen. In seinem Klangkunstwerk mischt sich der musikalisch gerahmte Text einer Geschichte von Charles Dickens mit dem Surren einer Tätowier-Maschine, die jenen Text in die Haut einschreibt. Allmählich verdichtet sich beim Zuhören die Ahnung, das innere Erleben des gerade Tätowierten nachzuempfinden.

Tätowierungen sind immer auch eine Form der Selbstdarstellung. Oft sind sie eine Pinnwand biografischer Einschnitte, sie stiften Identität und Gruppenzugehörigkeit. Künstler nutzen ihre visuelle Stärke und provokante Grundhaltung als Ausdrucksmedium. So vielfältig und individuell wie die Bandbreite an modischen Motiven und Retrotrends sind auch die Aussagen zu den Geschichten hinter den Hautbildern. In einem für diese Ausstellung in Auftrag gegebenen Film der MedienPRAXIS e.V. kommen „beide Seiten der Nadel“ ausführlich zu Wort.

https://youtu.be/6wMgGc68oto -  Teaser zum Filmbeitrag der MedienPraxis

(c) Rebecca Suttner

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