11. März bis 23. April 2017
Reinheit & Ritual - Hans Karl Kandel und Hermann Nitsch

Die Ausstellung von Skulpturen von Hans Karl Kandel (1946 in Schwabach geboren, lebt und arbeitet in Roth b. Nürnberg) und Bildern von Hermann Nitsch (1938 geboren in Wien, lebt und arbeitet in Prinzendorf a.d. Zaya, Niederösterreich) ist eine ungewöhnliche Begegnung. Der Großmeister der Wiener Aktionskunst und Schöpfer des Orgien-Mysterientheaters trifft mit seinen wuchtigen Schütt-Bildern auf einen Bildhauer der Stille und Introspektion aus Mittelfranken, der fragile Skulpturen aus Gips formt.


Die große Freude an der Bildenden Kunst ist, dass sie nicht nur Zeichen oder Symbole erzeugen kann für irgendein materielles Gegenüber, sondern auch für einen Gedanken oder eine geistige Erfahrung. Eine Vorstellung wird auf ein Kürzel reduziert und manifestiert sich als Artefakt zugleich wieder in einem physischen Objekt.

Die reinweißen, empfindlichen, puristischen Skulpturen des Bildhauers Hans Karl Kandel erscheinen als Negation von Farbe, Unreinheit, Blut, Schmutz. Auch, wenn das nicht die Intention des Künstlers ist, werden die Arbeiten von Kandel in dieser Schau zu beinahe unberührbaren, kultischen Gefäßen, bekommen eine Aura der Esoterik − Opferschalen eines unbekannten Kults. Nicht nur die mit Tierblut gemalten, auch die Acryl-Bilder von Hermann Nitsch sind eine Affirmation von Sinnlichkeit und Verschwendung, Farbräuschen und rücksichtsloser Daseinslust (Frank Gassner in Hermann Nitsch, Strukturen, Wien 2011, S. 75: „Hermann Nitsch wühlt mit seiner Arbeit in Farbe, Gedärmen, der westlichen Kunst und Geistesgeschichte sowie unseren Moralvorstellungen.“): wahrhaftige „Schütt“-Bilder.

Stille und Introspektion, eine kühle Stimmung von Unantastbarkeit und Vergeistigung, ein möglichst radikaler, mönchischer Rückzug von der Buntheit der Welt hier, dort eine exzessive Deklaration von Daseinslust, eine heiße (Selbst-)Verschwendungssucht, Lärm und Eros.

Nikolaus von Kues „… schreibt… dem Menschen die Fähigkeit zu einem „göttlichen“ Denken zu, das auch den Gegensatz von Affirmation und Negation im Sinne der Koinzidenz transzendiert.“  (https://de.wikipedia.org/wiki/Coincidentia_oppositorum). Unter dem Aspekt der coincidentia oppositorum des Cusanus (auf die in seinem Katalogessay Ralf Frisch hinweist) will die Ausstellung von Hans Karl Kandel und Hermann Nitsch keineswegs eine Gegenüberstellung von unüberbrückbaren Gegensätzen, ist nicht der Versuch, Spannung zu ziehen aus einer Polarität, und noch weniger geht es natürlich um Doppelung. Die Konfrontation (der Begriff ist eigentlich unglücklich an dieser Stelle) zweier Künstler, der eine weltberühmt, der andere nicht, von denen aber jeder mit größter Konsequenz seinen Weg geht, lässt im Kopf des Betrachters die Hervorbringungen des jeweils anderen zur Ergänzung werden, gleichsam als seien die Arbeiten des einen bedürftig der Arbeit des anderen: Zwei Seiten einer Medaille. Das Ritual dient der Reinigung, Reinheit muss bei jedem Ritual gewissermaßen mitgedacht werden, muss zum Ziel werden.

Die sicher ungewöhnliche Begegnung soll dem Kunstpublikum einen neuen Blick ermöglichen auf vielleicht vertraute Bilder und will gleichzeitig vielleicht weniger bekannte Skulpturen vorstellen. Aber vor allem will die Verbindung beider Positionen einen Erkenntnisgewinn stiften.

Hans-Peter Miksch

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