Süddeutsche Zeitung, München, 5.2.2010

Spiegel-Bilder


Der Nürnberger Künstler Jürgen Durner malt beeindruckende Stadtansichten in schillernden Farben

Keine Menschen, nur Mauern, Glas und Lichterschein, der sich in Fassaden spiegelt. Und doch sind die Bilder von Jürgen Durner beseelt vom menschlichen Tun, ohne das es kein Auto, kein Haus, keine Stadt geben würde. Wo ist er hin, der Mensch, auf den die grünen großen Stühle warten in dem Restaurant an der großen Straße? In dessen großflächiger Fensterfront flammt das Rot der Ampel auf. Hellblau glühen Reklameschriften, spiegelverkehrt zu sehen, hinter den Tischen und Stühlen. "Nachfuge" nennt Durner dieses Gemälde, das Wärme ausstrahlt - und grenzenlose Einsamkeit. In zwei Ausstellungen gleichzeitig sind derzeit die beeindruckenden Bilder des Nürnberger Malers zu sehen. Noch bis 14.Februar zeigen die kunst galerie fürth und das Kunstmuseum Erlangen Durners Arbeiten unter dem Titel "Disappearance/ Der hermetische Spiegel".

Wie in Edward Hoppers berühmter Barszene "Nighthawks", in der vier Menschen spät nachts zusammensitzen, scheinbar vereinsamt und ohne Blickkontakt, gibt es in Durners Gemälden keine offenen Türen, nichts, was einen willkommen heißt. Die Transparenz von Glas wird bei Hopper wie bei Durner zur undurchdringlichen Barriere. Schon vor Jahren mahnte der amerikanische Soziologe Richard Sennett, dass der Baustoff Glas, aus dem moderne Städte heute gebaut werden, die Isolation der Menschen fördere. Er sagt: "Sehen zu können, was man nicht hört, berühren, spüren kann, verstärkt das Gefühl, das, was sich im Inneren befindet, sei unzugänglich." Genau das ist Jürgen Durners Thema.

Durner, Jahrgang 1964, studiert von 1984 bis 1992 freie Malerei bei Christine Colditz an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. An der Ecole des Beaux Arts in Paris beschäftigt er sich mit den Impressionisten und dem Pointillismus - und zweifelsohne mit dem Leben in einer pulsierenden Metropole. Zwei Jahre lebt Durner in der französischen Hauptstadt, und seine Hochachtung für Maler wie Degas, Renoir, Monet, Pissaro dringt bis heute in den Arbeiten durch. Seine Nachtbilder sind farbenstark wie die der Impressionisten. Das Blau, Grün und Gelb in ihren Naturgemälden prägt auch Durners Malerei.

Schon bald nach der Akademiezeit wird Durner bekannt mit seinen Fensterbildern, die er in den 1990er-Jahren in seinem Fürther und schließlich im Berliner Atelier entwickelt. Er zieht ganz nach Berlin und beschäftigt sich in seinen neuen Bildern mit Lichtbrechungen, wie sie vor allem in der nächtlichen Großstadt entstehen. Die Stadt mit ihren transparenten Fassaden ist der Spiegel - der hermetische Spiegel - der Gesellschaft. Passanten gehen posierend an ihnen vorüber, ziehen sich etwa den Minirock zurecht, zupfen die Mütze ins Gesicht, beobachten vielleicht auch andere zusammen mit ihrem eigenen Spiegelbild. Das Spiegelmotiv, in der Bildenden Kunst ein altes Thema, setzt Durner neu in Szene. Die Silhouetten der Architektur überlagern sich, Farbfetzen von Autolichtern, Straßenlaternen, Leuchtreklamen ergeben ein eigenes Gebilde. Und Durner erkennt: Die großen Einkaufspassagen sind die Königsschlösser unserer Zeit. Einlass gewähren sie nur dem, der sich die feilgebotenen Produkte leisten kann und dessen Schuhe den glänzenden Fliesenboden nicht beleidigen. Fast beängstigend große Glasfronten und edle Materialien trennen häufig die Menschen von ihren materiellen Sehnsüchten. Was bleibt, ist ein Gefühl der Einsamkeit.

Durner gelingt es, den Blick auf eine spiegelnde Fläche, in der sich Lichter aus Innen- und Außenräumen mit anderen Reflektionen mischen, in technisch ausgefeilter Lasurmalerei, beinahe fotorealistisch zu übersetzen. Anders als in der Fotografie aber kann Durner mit der Perspektive spielen und die Motive verfremden. Das macht seine menschenleeren Bilder für den Betrachter so faszinierend.

Zurueck Zurück Versenden versendenDrucken drucken
2011 © kunst galerie fürth - Impressum