18.7.2016 - Soziales & Gesundheit
Perspektiven nicht nur für Zuwanderer

Rund 1000 EU-Bürgerinnen und -bürger wandern jährlich nach Fürth zu. Sie kommen vorwiegend aus Bulgarien, Rumänien oder Griechenland. Wie können diese Menschen und ihre Familien vor allem sozial in die Gesellschaft integriert werden? Netzwerken heißt das Zauberwort und „PFIF“ das passende Betreuungsangebot: Die vier Buchstaben stehen für „Perspektiven finden in Fürth“ und betiteln ein ehrgeiziges Projekt, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen des „Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen“ (EHAP) mit rund 800 000 Euro gefördert wird. Ziel: sozialer Zusammenhalt und Eingliederung von armutsgefährdeten und von Ausgrenzung bedrohten Personen.

Stellten das Projekt PFIF vor: Wolfgang Sperber (Fürther Treffpunkt), Felix Trejo (FZF), Hanne Rügheimer (AWO-Kulturbrücke), Jochen Sahr (vhs), Agnes Mehl (EB), Felice Balletta (vhs) und Sozialreferentin Elisabeth Reichert (v.li.). Foto: Wunder

Stellten das Projekt PFIF vor: Wolfgang Sperber (Fürther Treffpunkt), Felix Trejo (FZF), Hanne Rügheimer (AWO-Kulturbrücke), Jochen Sahr (vhs), Agnes Mehl (EB), Felice Balletta (vhs) und Sozialreferentin Elisabeth Reichert (v.li.). Foto: Wunder

191 Bewerber für den Fonds hatte es gegeben, 88 wurden ausgewählt und erhalten rund 56 Millionen Euro – das Fürther ist darunter eines der am höchsten geförderten. Das hat vor allem den Grund, dass in der Kleeblattstadt gleich zwei Zielgruppen angesprochen werden: Zum einen jene neuzugewanderte EU-Bürgerinnen und -bürger sowie deren Kinder, zum anderen aber auch Wohnungslose und von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen.

Projektleiter Jochen Sahr erklärte bei der offiziellen Vorstellung des Angebots, warum diese Themen in der Kleeblattstadt so auf den Nägeln brennen: „Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hatte Fürth im Jahr 2015 mit 2,5 Prozent im bundesweiten Vergleich der Großstädte den zweithöchsten Bevölkerungsanteil von Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien.“ Übertroffen werde Fürth nur von Offenbach. Diese überwiegend jungen Menschen und Familien verfügten häufig über einen niedrigen Bildungs- und Ausbildungsstandard. „Über 30 Prozent aller Neukunden des Jobcenters stammten 2015 aus Süd-Ost-Europa, der sprachliche Integrationsbedarf dieser Gruppe liegt bei über 40 Prozent“, so Sahr. Zudem konzentriere sich die sozial-räumliche Verteilung vor allem auf die Innen- und Südstadt: Sie betrage jeweils fast 50 Prozent. Zu erklären ist dies mit den im Vergleich zur Gesamtstadt wegen fehlender Sanierungen weniger stark gestiegenen Mieten.

Dieser Umstand führt zum zweiten Fürther Schwerpunkt: „Die Wohnungsproblematik nahm in den vergangenen Jahren drastisch zu, gerade für sozial schwache Mieter ist der verfügbare Wohnraum stark verknappt“, weiß Sahr. Etwa ein Drittel der Bewohner von Obdachlosenunterkünften stammen aus der EU.

„Seit 2011“, unterstrich Sozialreferentin Elisabeth Reichert, „haben wir den Bedarf gesehen, wir brauchen hier Strukturen, damit Menschen Fuß fassen können.“ Sich für die Förderung durch EHAP zu bewerben, sei daher eine „reine Sachgeburt“ gewesen, erklärte Sahr. Und die Partner, die man sich mit ins Boot holen wollte, lagen quasi auf der Hand: Erziehungs- und Familienberatungsstelle (EB), Wärmestube, Volkshochschule (vhs), Arbeiterwohlfahrt (AWO)-Kulturbrücke und Freiwilligenzentrum (FZF).

„Wir wollen und können an vorhandene Strukturen andocken“, sagten Agnes Mehl, Leiterin der EB, und Hanne Rügheimer von der AWO-Kulturbrücke. Daher gibt es für die beiden Zielgruppen keine zentrale Anlaufstelle, sondern die vorhandenen Einrichtungen werden mit mehr Personal ausgestattet, insgesamt neun Stellen konnten so geschaffen bzw. vorhandene mit Stunden aufgestockt werden. PFIF setzt dabei auf Mundpropaganda. 

Beratung und Unterstützung finden EU-Neuzuwandernde bei Jochen Sahr (vhs), Mine Shayesteh und Ilona Laitenbrger (beide EB) sowie Zhenya Georgieva (AWO-Kulturbrücke), wo sich Ratssuchende auf Bulgarisch, Rumänisch, Griechisch und Russisch mit den Mitarbeitern unterhalten können. VHS-Chef Felice Balletta sieht in der Sozialberatung eine sinnvolle Ergänzung zur Arbeitsmarkt- und Sprachintegration. Im Moment sprechen Migranten vor allem seine Deutschdozenten an – die nun wissen, an wen sie die Betroffenen vermitteln können.

Wer eine Wohnung sucht oder von Wohnungsnot bedroht ist, kann sich an die Wärmestube wenden, die mit Jana Benz und Sabrina Wittland zwei neue hauptamtliche Kräfte beschäftigt. Eine dritte Stelle wird noch besetzt. „Wir sind sehr glücklich, dass wir nun endlich auch mit entsprechenden Fachkräften ausgestattet sind und werden nun auch verstärkt den Ansatz der aufsuchenden Arbeit verfolgen können“, sagte Wolfgang Sperber, Leiter der Wärmestube.

Felix Trejo vom FZF, das bereits Projekte im Migrationsbereich – etwa die Willkommenspaten – anbietet, erhofft sich zudem von der Vernetzung, „Ehrenamtliche mit Migrationshintergrund für uns zu gewinnen.“

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