Nürnberger/Fürther Nachrichten, 25. März 2014

Diese Ausstellung hat eine klare Linie


Die Kunst der Reduktion: Zwei Zeichner präsentieren ihr Werk in der kunst galerie fürth

Wie in der Kunst durch radikale Reduktion der Mittel erstaunliche Komplexität und Fülle erzielt werden kann, zeigt eine Ausstellung der Zeichner Rainer Thomas und Günter Walter in der städtischen Kunst-Galerie Fürth.

Am Anfang war die Linie. Mit der ersten Ritzzeichnung an einer Felswand irgendwo auf der Welt beginnt nicht nur die Kunstgeschichte, sondern ganz allgemein die geistige Weltaneignung durch den Menschen. Die ersten Kalender, Zahlensysteme und Schriften waren Reihen und Variationen von senkrechten, horizontalen und diagonalen Linien. So ist es kein Wunder, dass auch die mit Farb- und Bleistiften gezeichneten linearen Strukturen des 1943 in Fürth geborenen Günter Walter auf den ersten Blick ein wenig an noch unentschlüsselte Botschaften aus einer fernen Kultur denken lassen.

Der Künstler ist jedoch seit jeher ein überzeugter „Konkreter“, dem es nicht um abstrakte Botschaften, sondern um die Linie, um die Zeichnung „an sich“ geht. Allenfalls strebt er bei seinem exakt kalkulierten, nach technischer Perfektion strebenden künstlerischen Tun nach einer Symmetrie und Ordnung, die für ihn der Inbegriff der bildnerischen Ausgewogenheit und Schönheit ist. Obwohl eigentlich auch diese Begriffe für seinen Ge-schmack viel zu „schwärmerisch“ und viel zu wenig konkret sind. Seine Kunst ist vor allem eine Kunst des Systematischen.

Sehr viel intuitiver arbeitet der in Fürth lebende Rainer Thomas (Jahrgang 1951). Er zeigt einige Farbstiftzeichnungen, deren elegante Formen sich direkt aus der Bewegung von Arm und Handgelenk entwickelt haben. Was bei Thomas jedoch keineswegs mit dem bewusst Unkontrollierten, der mechanisch-gestischen Art des Zeichnens verwechselt werden sollte.

Den Bildraum vermessen
Auch Rainer Thomas setzt letztlich all seine Mittel sehr planvoll und bedächtig ein. Das zeigen besonders seine mit Rohrfeder, Tusche und Tinte gezeichneten Blätter aus der Folge „umhergehen“. Da ist die Feder eben nicht orientierungslos auf dem Papier herumgeirrt. Die zeichnende Hand hat vielmehr mit dem ziemlich spröden Zeichengerät den Bildraum vermessen, hat Bild-Schwerpunkte, Begrenzungen, Zwischenräume und Spannungsfelder markiert.

Beide Künstler erreichen trotz ihrer Beschränkung auf die gezeichnete Linie eine beachtliche Dynamisierung der Bildfläche. Bei Walter ist es eine Wirkung wie bei der Op-Art, eine Seh-Irritation in Form eines leichten Augenflimmerns, bei Thomas kommt die Bewegung aus der vom Betrachter oft fast als schmerzhaft empfundenen linearen Verspannung der Bild-Fläche. Zweifellos eine der schönsten unter den vielen schönen Ausstellungen in der Fürther Kunst-Galerie.


Bernd Zachow

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