Nürnberger Zeitung, 30.6.2014

Wie passt der Krieg ins Kinderbuch?


Packende Illustrationen in der kunst galerie fürth

Premiere für die kunst galerie fürth: Zum ersten Male zeigt Hausherr Hans-Peter Miksch Illustrationskunst. "Illustration hat es hier in den zwölf Jahren noch nicht gegeben", staunt er. "Wenn schon, dann sollte es etwas Aufsehenerregendes sein."

Illustration ist nicht einfach die Bebilderung einer Geschichte, sondern zugleich deren Deutung. Noch besser, wenn die Ästhetik so ausfällt, dass der Betrachter mehrere Wege beschreiten kann, die Geschichte zu deuten. Unter dem Titel "Kindheit im Krieg" präsentiert die Galerie zwei Bilderbücher für Kinder, die um ein heikles Thema für Erwachsene kreisen. "Ein roter Schuh", von Tobias Krejtschi, sowie "ROSA WEISS" von Roberto Innocenti erzählen von Krieg, Not und Gewissensbissen.

"Ein roter Schuh" (2013) begleitet einen Fotoreporter in einem Krisengebiet in Nahost. Ein Schulbus ist in die Luft geflogen, der Reporter macht Aufnahmen im Krankenhaus, ein schwerverletzter Bub mit einem roten Turnschuh fesselt seine Aufmerksamkeit derart, dass er alles andere um sich herum vergisst. Am Ende scheint der Bub tot zu sein, und der Reporter ist mit sich alleine.

Blutiges Rot sticht hervor

Tobias Krejtschi, Jahrgang 1980, verwendet für seine Geschichte eine Mal- und Collagetechnik. Ganz in Grautönen gehalten, aus denen allein das Blutrot des Schuhs hervorsticht, schimmern unter den Schichten der Acrylfarben Zeitungsausschnitte durch, deren Textfragmente von Krieg und Terror künden.

Konzentriert sich Krejtschi auf das Wesentliche, so besticht "ROSA WEISS" (1985) durch den Detailreichtum seiner Bilder. Der Italiener Roberto Innocenti, Jahrgang 1940, erzählt die Geschichte eines Mädchens, das den alltäglichen Terror des Dritten Reichs in der Nachbarschaft erlebt, im Wald ein KZ entdeckt, und am Kriegsende den Tod findet.

Die ästhetische Spannung, die das ganze Buch dominiert, schöpft sich aus dem Gegensatz der schrecklichen Vorgänge und den heimeligen Schauplätzen in zarten Aquarellfarben und realistischer Manier. So groß war die Spannung, dass kein italienischer Verleger das Werk auf den Markt bringen wollte. Erst 1985 wagten es die Amerikaner, ein Jahr später erschien es auf Deutsch, heute ist das Buch schon wieder vergriffen.

Für wen sind diese Bilderbücher gedacht? In erster Linie für Kinder, freilich darf man diese nicht mit den Bildern und Geschichten alleine lassen. Behutsames Anschauen mit den Eltern ist verlangt. Also muss der Illustrator für beide zeichnen, für den erwachsenen wie für den kindlichen Blick. Auch wenn beide Geschichten fiktiv sind, erzählen sie alltägliche Geschichten aus Krieg und Diktatur. Während "ROSA WEISS" zeitlich und räumlich lokalisierbar ist, kann "Ein roter Schuh" trotz des Nahost-Flairs praktisch in jedem Krisengebiet stattfinden. Es ist gerade die Leistung der Illustratoren, den Krieg nicht als Einbruch in eine friedliche Welt zu präsentieren, sondern als schleichend erobernde Allgegenwart.

Darf man Kinder solchen Geschichten aussetzen, darf man Krieg im Kinderbuch thematisieren? Die Debatte hält bis heute an, doch "ROSA WEISS" setzte sich vor 30 Jahren erstmals über diese Vorbehalte hinweg.

Hinzu kommt, dass Kinder durch die Medien und sogar durch Nachrichten speziell für Kinder über kriegerische Abläufe informiert werden. Und Kinder stellen Fragen. Diese Bücher geben keine Antworten, aber sie helfen bei der Fragestellung. Die Antworten müssen die Erwachsenen finden.

Reinhard Kalb

Zurueck Zurück Versenden versendenDrucken drucken
2021 © kunst galerie fürth - Impressum