Bayerische Staatszeitung, München, 10.10.2014

Gesichter und Gesichte


Die Ausstellung „Faces from Gugging“ in der Städtische Kunstgalerie Fürth zeigt 66 Arbeiten von 18 Künstlern der ehemaligen Nervenheilanstalt Gugging bei Wien

Die stechenden Augen wie schwarze Schlitze , die Haare wie Gefängnisstäbe und der Mund wie zugenäht: „Alexander“ nannte der schizophrene „Künstler“ Oswald Tschirtner sein krudes Porträt, das er 1975 in der Landesnervenanstalt Gugging bei Wien zeichnete. Jetzt ist die Zeichnung in der Ausstellung „Faces from Gugging“ in der Städtischen Kunstgalerie Fürth zu sehen, zusammen mit 65 anderen Bildern von 18 Künstlern, deren Werke, neben vielen anderen, in der mittlerweile zum „Haus der Künstler“ gewordenen „Irrenanstalt“ verkauft oder im dazu gehörigen Museum ausgestellt werden.

Einst als „Kunst von Geisteskranken“ abgetan, werden die kreativen Gestaltungen von seelisch und geistig Behinderten und Kranken heute der „Art brut“, einer rohen, ungezügelten Kunst zugerechnet, als die der französische Künstler Jean Dubuffet die autonomen Werke bezeichnete, die ganz naiv, spontan entstehen und nicht auf „Kunst“ abzielen. Authentische, unverbildete Selbstäußerungen von Menschen, die ihre Ängste, ihr Gefangensein in einer verletzten, sich seines Selbst nicht mehr bewussten Psyche zu artikulieren versuchen und damit aus ihrem verschlossenen „Inneren“ mit dem „Draußen“ kommunizieren wollen. Ihre vorwiegend figurativen Imaginationen und Phantasmagorien, ihre kreativen Botschaften aus einer anderen, nur ihnen eigenen Welt schlagen sich vor allem in Menschenbildern, in Köpfen und Antlitzen nieder, die mehr Gesichte als Gesichter sind, kindlich und verzerrt, dunkel und geisterhaft, anspielungsreich und symbolisch.

Was die Bilder in der Fürther Ausstellung auch demonstrieren: naiv und ganz und gar unakademisch, akribisch bis zur Pedanterie gezeichnet, nicht selten ornamental dekoriert oder phantastisch ausufernd koloriert, blicken diese immer en face gezeichneten, stilisierten und nie abstrahierende Gesichter den Betrachter frontal und direkt an – und scheinen doch aus einer dunklen, geheimnisvollen Ferne zu kommen, deren Mysterium sich uns nicht erschließt.

Friedrich J. Bröder

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