Nürnberger/Fürther Nachrichten, 19.1.2015

Adam und Eva zwischen gestern und heute

Ausstellung in der kunst galerie fürth erinnert an bald 500 Jahre Reformation und ist doch unmittelbar aktuell


Eigentlich ist die neue Gruppen-Ausstellung in der kunst galerie fürth dem 2017 anstehenden Gedenken an 500 Jahre Reformation sowie dem Themenjahr "Bild und Bibel" innerhalb der Lutherdekade gewidmet. Doch angesichts der Morde an den Charlie-Hebdo-Karikaturisten in Paris bekommt die vielgestaltige Schau mit dem Titel "Das Wort wird Bild" unmittelbare Aktualität.

Wenn die drei Begriffe "Wort", "Bild" und "Religion" in einem Kontext genannt werden, denkt man in diesen Tagen fast zwangsläufig an Gewalt und Extremismus. Insofern fügt sich die Fürther Schau zwar in den aktuellen öffentlichen Diskurs, den die Anschläge in Paris ausgelöst haben. Doch sie will ein ganz anderes Thema in den Fokus rücken. Nämlich die Wirkung der Reformation (mit den vorhandenen Mitteln des Buchdrucks) auf die Entwicklung und Demokratisierung der deutschen Sprache sowie die Wertschätzung des Wortes, das kirchliche Willkür ersetzen sollte.

Perlende Verse

Zu sehen ist dennoch keine Kirchenkunst, sondern eine zeitgenössische künstlerische Auseinandersetzung mit Wort, Bild und Religion. Im Auftrag und mit finanzieller Unterstützung des Dekanats Fürth hat Galerie-Leiter Hans-Peter Miksch zehn regionale und auswärtige Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die das Wort bereits in ihren bisherigen Werken wirken lassen. Die meisten von ihnen haben nun ihre Gedanken zum Thema Reformation eigens für die Schau in Bilder und Objekte umgesetzt. Und die Mehrzahl lädt den Zuschauer dazu ein, seine eigenen Interpretationen zu entwickeln.

Imposant und - bei genauerem Hinsehen - filigran und meditativ zugleich ist der schieferschwarze Kubus, den die Bayreuther Künstlerin Ute Bernhard beisteuert. Wieder ist da so eine spontane Assoziation: Der Quader erinnert an die Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islam, in Mekka. Die Künstlerin hat ihn mit eigenen, mantra-artig sich wiederholenden Versen auf Deutsch und Englisch versehen, die wie Wasser an den Kubusseiten herunterperlen.

Von feiner Machart ist auch das hintersinnige Stickbild des Nürnberger Akademie-Professors Jochen Flinzer. Während auf der einen Bildseite klar strukturiert eine mit roten und schwarzen Fäden gestickte, aus heutiger Sicht skurrile Stelle aus dem Alten Testament zu lesen ist, kreuzen sich die Fäden auf der anderen Seite in anarchischer Abstraktion. Eigene Assoziationen darf der Betrachter da gerne weiterspinnen.

Luther als Graffiti-Künstler

Humor beweist auch Dietmar Pfister. In seinem anspielungsreichen Beitrag lässt der Nürnberger Künstler Luther zum Graffiti-Künstler werden, der seine 95 Thesen nicht mit dem Hammer an die Wittenberger Schlosskirche nagelte, sondern an die Wand pinselte. Wie in einem halben Jahrtausend verwittert, muten die Luther-Autographen an, die nur noch in Fragmenten auf der vierteiligen, schrundig-gelben Bildwand sichtbar sind. Übrig geblieben ist da etwa "Verbum domini", "ist das war" oder "mit Lust und Liebe Amen".

Ein junger Street-Art-Künstler der Gegenwart ist der in Berlin und Nürnberg lebende Julian Vogel, der die christlichen Tugenden "Glaube, Liebe, Hoffnung" großformatig aus zusammengeschobenen Buchstaben gebildet hat. Man muss schon genau hinschauen, um die Worte zu entziffern - und als assoziativen, aktuellen Kontrast die übergelagerten Bilder von Gewalt, Pornografie und Flüchtlingsdramatik zu erkennen.

An die Flcühtlingsströme, eines der virulentesten Probleme unserer Zeit, gemahnt auch Kathrin Hausel, die letztjährige Kulturförderpreisträgerin der Satdt Fürth. Auf ihrem Diphtychon zeigt sie Adam und Eva, die in einem surrealen Schwarm von Origami-Kranichen (im Japanischen Symbol für die Erfüllung von Wünschen) gleichsam ziellos aus dem Paradies fliehen. Ob sie am selben Ort ankommen, scheint ungewiss. Mit dem Schriftzug "Oh brother (where art thou)" (Bruder, wo bist du?) zitiert die Malerin zugleich einen Kino-Film der Coen-Brüder, der sich wiederum auf die Odysee bezieht.

Eine Ausstellung, die nicht nur bei evangelischen Christen Assoziationen zwischen Vergangenheit und Gegenwart wecken dürfte.

Birgit Nüchterlein




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