17. September bis 29. Oktober 2017

Cony Theis - Selbst | Porträt


Seit dem Jahr 2001 hat Cony Theis sowohl das Porträt, als auch das Selbstporträt zum Dreh- und Angelpunkt ihrer künstlerischen Untersuchungen gemacht. Das hat nichts mit der Selfie-Sucht zu tun, die die Asozialen Medien (nach H.M. Enzensberger) überschwemmt. So, wie die Bilder der Welt das Bild der Welt verstellen, so verunmöglichen Selfies das konsistente Bild eines Individuums. Cony Theis' Großzeichnung „Zeit bahnen“ ist ein bildnerischer Lösungsvorschlag für die Frage, wie Erinnerung funktioniert.

Zentrale Arbeit der Ausstellung Selbst | Porträt  ist die große Zeichnung mit dem Titel „Zeit bahnen“. Auf die zehn Bahnen aus Transparentpapier sind Fotos und Abbildungen digital gedruckt, dazu kommt eine Fülle unterschiedlich detailliert gezeichneter Szenen, wozu die Künstlerin Kohle, Tusche, Aquarell- und Ölfarbe oder Farbstift verwendet hat. Die Papierbahnen sind jeweils über 4m lang und bedecken in der Breite mehr als 10m. Der Betrachter ist konfrontiert mit einer Art von Wandtapete, die an eine mit Graffiti und Postern bedeckte Fläche erinnert, einer Dècollage oder einer Graphic Novel nicht unähnlich.

„Zeit bahnen“ ist ein autobiographisch angelegter Work in Progress (seit 2009). Die eingedruckten Fotos und Zeichnungen bilden einen unregelmäßigen Fonds aus quasidokumentarischen Elementen. In den Zwischenräumen, auf und über diesem Hintergrund befinden sich Zeichnungen, die ein Thema anreißen, Unterbewusstes andeuten, vielerlei Bezüge anbieten. Das Trägermaterial Transparentpapier besitzt eine Art von transluzider Qualität: Alles, was sich darauf dem Blick darbietet, hat den Charakter einer Blaupause, lässt an ein Dahinter denken, auch dann, wenn keines sichtbar ist. Der Bildträger ebenso wie die Skizzenhaftigkeit suggeriert Unfertiges, Unabgeschlossenheit, Prozesshaftigkeit. Die gezeichneten Figuren haben nicht alle dieselbe vertikale Achse, teilweise stürzen sie übereinander: Das Hinter- und Übereinander der Szenen und die Drehungen der Figuren weisen auf ein zeitliches Nacheinander.

Neben der zentralen Arbeit zeigt die Kölner Künstlerin noch ein Portfolio aus verwandten Einzelarbeiten. Zum Beispiel hat die Künstlerin in bewusst flüchtigen Aquarellen Lebenspartner wechselseitig auf den Körper des jeweils anderen porträtiert, sie hat Geheimnisträger fotografiert (vom Rechtsanwalt, dem Regierungsbeamten oder dem Beichtvater bis hin zur Telefonseelsorgerin), Künstlerporträts aus Monographien abgezeichnet oder partizipative Porträts mit Erwachsenen, Kindern oder Strafgefangenen erstellt. Bei allen Projekten spielten Selbstdarstellung und Selbstgefälligkeit keine Rolle. Ihre intensive Beschäftigung mit dem Porträt wirft die Grundsatzfrage auf, ob und wie ein Porträt als Studie eines Charakters überhaupt möglich ist?

Theis steht in der Tradition der späten 1980er Jahre, die ein Thema in vielen Arbeiten und Varianten einkreist, es bewusst anti-virtuos, pseudo-amateurhaft behandelt (dafür stehen explizit die sogenannten Partnerporträts, generell auch die Bevorzugung der Skizze als etwas Unfertiges und mehr oder weniger Privates). Die Verwendung von Fotos lässt den Schluss zu, dass solche Zeichnung den Fotografien einer Nan Goldin oder eines Jürgen Teller einiges verdankt: rohe Fotografie, quasi Anti-Art-Directors-Photography oder Bad Photography - analog zum Bad Painting. Wenn es denn noch so etwas wie Authentizität gibt, dann unprätentiös und ungekünstelt. Wenn es denn noch so etwas wie Wahrhaftigkeit gibt, dann nur mit einem höchsten Maß an Subjektivität. 

Cony Theis wurdem 1958 in Ewersbach geboren. Sie studierte von 1979 bis 1989 in Mainz und in Düsseldorf, zuletzt war sie Meisterschülerin bei Prof. Crummenauer an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 1988 arbeitet sie im Presseauftrag als Gerichtszeichnerin (darunter in vielen spektakulären Prozessen). 1989 erhielt sie das Lincoln-Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz, 2005 ein Stipendium der Künstlerhäuser Worpswede und ein Stipendium für das Künstlerhaus Schloß Balmoral, 2008 das Stipendium KunstKommunikation für das DA Kunsthaus, Kloster Gravenhorst, und 2011 ein Stipendium des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf, sowie 2013 eines des Künstlerhauses Edenkoben. 2012 war sie Artist in Residence im Arlberg-Hospiz-Hotel (h.a.i.r), 2014 dann ebenfalls Artist in Residence im Kunsthaus Kannen, Münster. Der Preis der Stiftung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung wurde ihr 2015 für das Projekt „Gefangene Geheimnisse“ verliehen. Seit 2013 ist sie Professorin für Bildende Künste an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg.

    

 

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