Nordbayerische Zeitung, 11./12.3.2017

Stille Kannen sind tief


Hier der prominente Orgien-Berserker Hermann Nitsch aus Österreich. Dort Hans Karl Kandel, ein fränkischer Bildhauer der Stille. In der kunst galerie fürth kommen sich zwei scheinbare Gegensätze sehr nahe.

Farbe braucht Nichtfarbe, um zu wirken. So wie Lärm die Ruhe oder die Reinheit den Schmutz. Das ist die blutrote Kerbe, in die der Künstler Hermann Nitsch (Jg. 1939) seit fünf Jahrzehnten bei seinen rituellen Orgien-Mysterien-Festspielen im niederösterreichischen Prinzendorf schlägt. Als Exorzist, der die Wildheit der Welt mit ästhetischer Wildheit bekämpft.

Auch sein Malprozess gerät zu verdichtetem Leben. Das zeigt die Schau in Fürth. Auf Blutexplosionen scheinen wir ebenso zu blicken wie in Lavabrutstätten. Dann wieder stürzt Dunkelheit herab wie Teer. Nitsch ist Aktionskünstler. So einer pinselt nicht einfach. Er schüttet Farbe auf der Leinwand zusammen und malt mit den Fingern darin. "Es wäre durchaus vorstellbar, dass die reinweißen Skukpturen Hans Karl Kandels Opfergefäße sind, in die sich Hermann Nitsch blutige Schüttungen ergießen", mutmaßt Ralf Frisch in seinem Katalogbeitrag zu dieser Schau der Extreme. Ihr Titel ist "Reinheit und Ritual".

Tatsächlich begreift der 1946 in Schwabach geborene und heute nahe Roth lebende Kandel seine Plastiken als "Gefäße". Körpern gleich. Verletzlich. Als Metaphern, auch für den Menschen.

"Die Stille hüten" hat er zum Beispiel eines seiner reinen Rundobjekte genannt. Und während die schöne Schale gut geerdet die Stille hütet, breitet sich dahinter an der Wand ein orgiastisch tosendes Diptychon aus der Werkstatt Nitschs umso gewaltiger aus. Sämtliche Säfte des Lebens scheint der Maler darin zu einer blutigen Sturmflut zusammengerührt zu haben.

Kugeliger Silberblick

In ihrer wohltuenden Klarheit haben es auch Kandels Werke in sich. Stille Kannen sind tief. Dem Lichteinfall geben sie schöne Chancen. Dergestalt, dass sich zarte Schatten in ihrem Inneren bis ins Unergründliche verdichten. "Ich nehme nur Material, das nichts anderes sein will als Material", erklärt der Bildhauer seine Wahl. Die Arbeit mit schwergewichtigem Stahl, auf den er sich früher als konkreter Künstler konzentrierte, gehört bereits seit zwölf Jahren der Vergangenheit an.

Die Idee von Galerie-Leiter Hans-Peter Miksch, seine Werke gemeinsam mit der Malerei des Österreichers auszustellen, stieß beim Bildhauer auf optimistische Begeisterung: "Dann kommen vielleicht nicht nur die, die mich eh schon kennen."

Reinheit, Reinigung und Ritual: Eins kann ohne das andere nicht sein. Beide Positionen, die des österreichischen Draufgängers wie die des fränkischen Auffängers, ziehen Kraft aus dem Wechselspiel. Da sind zwei Gefäße Kandels, deren Öffnungen wie Pupillen aussehen. Mit kugeligem Silberblick schauen sie von den Wänden. Weshalb der Bildhauer sie "Look Into My Eyes" betitelt hat. Oder die zwei wabenartigen Gefäße, hoch wie halbe Menschen. Der Bildhauer hat die beiden Rundlichen mit schnabelartigen Ausformungen versehen. Sie wirken, als wollten sie sich gleich küssen.

So viel Zartheit vor so viel Wucht: Der Kandel vor dem Nitsch ist die Ruhe vor dem Sturm.

Die trefflich komponierte Ausstellung wird zur existenziellen Erfahrung. Das schafft nicht jede Kunst.

Christian Mückl

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