Nordbayerische Zeitung, 8.5.2017

Die innere Weite der äußeren Form


Japan ist seine große Faszination. Genauer: Japan, wie es sich in den Holzschnitten eines Hiroshige und Hokusai präsentiert. Nun stellt der Wahlnürnberger Udo Kaller (73) einen neuen Zyklus aus. Die kunst galerie fürth präsentiert 102 Arbeiten der Serie "Die weiße Schale".

Klare Linien, fließende Formen, penible Raumaufteilung, akkurat gesetzte Dinge. Wer sich mit japanischen Holzschnitten auskennt, bewundert deren Konzentration auf das Wesentliche, für die jedes Ding kein Beiwerk ist, sondern essenzielle Bedeutung hat.

Udo Kaller, der als gelernter Farblithograf mit 20 Jahren von München nach Nürnberg kam und in den sechziger Jahren an der Akademie der bildenden Künste in der Klasse Wilhelm studierte, hat die japanische Ästhetik früh für sich adaptiert und in sich aufgesogen. Dennoch kopiert er nicht, sondern führt die Ästhetik weiter. Seine 102 Exponate aus dem 170-teiligen Zyklus "Die weiße Schale" sind keine Holzschnitte, sondern Ölgemälde, allesamt im strengen Quadratformat von 50 mal 50 Zentimetern. Sie zeigen vor allem Hände, Utensilien, und deren Begegnung miteinander vor meist ein- und zweifarbigem Hintergrund, vor geometrischen oder floralen Mustern.

Allein die Hände füllen schon eine Ausstellung für sich: der Arm ragt von der Seite her ins Bild, die stilisierten Finger spreizen sich, formen eine Klaue, verschränken sich, spielen miteinander, ballen sich zur Faust. Ungemein zierliche, aber auch runde, fast pausbackige Hände gibt es da zu sehen.

An Utensilien gibt es typisch japanische Geräte: Teekannen und Schalen, Fächer, Schirme, Pinsel und Schleier. Aber keine technischen Geräte, keine Handys, Schlüssel oder Taschenmesser. Es ist, als sei die Zeit stehengeblieben und wir befänden uns immer noch in der Tokugawa-Epoche.

Aber dann sorgt Kaller für Irritationen. Etwa mit den Größenverhältnissen. Da kauert eine Katze neben einem vergleichsweise riesigen Fächer. Auf einem anderen Bild ruht die Katze im selben Gestus bequem auf einer Handfläche. Oder handelt es sich nur um die Porzellanstatuette einer Katze? Möglich - aber die Malweise, die nur die Umrisse zeigt, vermeidet jede Plastizität und lässt so alle Deutungen offen.

Eine weitere Irritation: "Schleier II" zeigt zwei Hände, die einen durchsichtigen Schleier heben, hinter ihm sind beide Arme zu erkennen. Doch außerhalb des Schleiers gähnt Leere, wo der Mensch, der den Schleier hält, stehen sollte. Ein surrealistischer Effekt, eines René Magritte würdig.

Kommt der Mensch mit mehr als einer Hand ins Spiel, so belässt Kaller es mit gewählten Ausschnitten. Man sieht nur Teile des Torsos, die untere Partie des Gesichts, oder einen Fuß mit seinem Spiegelbild. Der Betrachter denkt das Bild weiter, vor seinem inneren Auge weitet sich das Gemälde zur Gesamtansicht, er spürt den unbedingten Willen zur Vervollständigung des nur Angedeuteten. Und eben das macht den Reiz dieser Schau aus. Udo Kaller beschränkt den Blick des Betrachters, um ihn gleichzeitig zu weiten.

Reinhard Kalb

 

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