Nordbayerische Nachrichten, 20.11.2017

Wenn sich Schriften in inhaltlose Fetische auflösen


Die Verwandlung von Handschriften, Büchern oder Landkarten in abstrakte Bilder und symbolhafte Objekt-Installationen zeigt derzeit eine Werkschau des Nürnberger Künstlers Dietmar Pfister in der kunst galerie fürth

Der 1943 geborene Dietmar Pfister gehört zu einer Künstlergeneration, welche die Bildkunst von allem literarischen Ballast befreien wollte. In den 1960er Jahren verkündete der streitbare Maler Hans Platschek: "Malerei ist stumm und undurchlässig. Man stellt sie her, man sieht sie, aber man liest und interpretiert sie nicht wie Buchseiten."

Diese programmatische Behauptung bestätigt Dietmar Pfister auf die ihm eigene ironisch-augenzwinkernde Art. Tatsächlich zielt bei ihm seit jeher der schöpferische Akt auf eine mehr oder minder vollständige Auslöschung lesbarer Zeichen, womit aber andererseits stets eine Aufladung mit Geheimnis und Symbolgehalt verbunden ist.

Prozess des Verschwindens

Mit seinen Gemälden und Objekten demonstriert der Künstler, wie Informationsträger verblassen, zerfallen, verschwinden, und wie der Prozess des Verschwindens einen seltsam morbiden Reiz entfaltet. Als eine "Grabplatte", unter der er die künstlerischen Vorbilder seiner frühen Jahre zur letzten Ruhe gebettet habe, bezeichnet Pfister zum Beispiel eine Malerei aus dem Jahr 1979. Unter mehreren grün-grauen Farbschichten sind die Namen der Bestatteten (die bedeutenden Maler Hans Arp, Max Ernst und Jackson Pollock) gerade noch zu erahnen.

Die in den Fürther Ausstellungsräumen in der Nähe platzierte Arbeit "Club der toten Dichter", entstanden 2010, ist ebenfalls ein Grab, in dem riesenhafte Gebeine längst verblichener "Genies" und ihre seither unlesbar gewordenen Bücher einen wüsten Haufen bilden.

Die Wandinstallation "Die blauen Bücher" ist eine streng-gleichförmige Aneinanderreihung von mehr als einhundert rückwärtigen Buchdeckeln in vielen verschiedenen Blautönen. Die literarischen Inhalte sind in diesem Fall vollständig getilgt.

Zu sehen ist also "echt konkrete" Kunst, bestehend aus Papier, Pappe, Leinen und Leim. Wie eine nicht ganz ernst gemeinte Neuauflage der sogenannten "informellen" Malerei wirkt hingegen Pfisters Übermalung der Reproduktion einer historischen Landkarte. Die Auslöschung der allermeisten kartographischen Details verwandelt die in der Vorlage besonders markant hervorgehobenen Gebirgszug-Symbole in jene Kryptogramme und "spontanen" Kalligrafien, die einst von allen Vertretern der gegenstandslosen Kunst ungemein geschätzt wurden.

Eigens für die Fürther Präsentation entwickelte Dietmar Pfister das Werk mit dem lapidaren Titel "Zelt". Der Künstler hat ein altes und teilweise schadhaftes Tarnnetz aus den Beständen der Bundeswehr in einen luftigen geistesgeschichtlichen "Überbau" umfunktioniert. Im Inneren des zeltartig im Galerieraum aufgespannten Netzes hängen an Schnüren Textfragmente aus allerlei wahrhaft epochalen Schriften wie die Bibel, der Koran, die Lehren des Konfuzius oder "Das Manifest der Kommunistischen Partei" von Karl Marx und Friedrich Engels. Die bedruckten Papierfetzen sind jedoch keineswegs Einladungen zur Lektüre, sie hängen da als Fetische, denen man eine gewisse Tarn- und Schutzfunktion zutraut.

(c) Bernd Zachow

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