Nordbayerische Zeitung, 19.6.2018

Auf das Werkzeug kommt es an


Skulptur, Architektur und Stadt: Die kunst galerie fürth bringt nun mit Kai Richter einen weiteren Beitrag zum Fürther Stadtjubiläum

Womit schmückt sich der Bildhauer? Mit Hammer und Meißel. Und der Häuslebauer? Mit Maurerkelle und Winkelmaß. Bildhauerei und Architektur haben ihre geheiligten Embleme, doch ein wichtiges Werkzeug, unumgänglich bei Haus wie Monumentalskulptur, wird sträflich vernachlässigt: das Gerüst! Genauer, die Gerüststangen, Tritt- und Schalbretter, Schrauben und Muttern, Zuganker und Stützen, die das Entstehende umgeben und zusammenhalten, bis jeder Stein am richtigen Ort sitzt.

Das Werkzeug erhebt der gelernte Industriemechaniker und Bildhauer Kai Richter, Jahrgang 1969, nun selbst zur Weihe des Exponats. Derart, dass der Betrachter beim Betreten der Kunstgalerie noch an den Aufbau der laufenden Ausstellung denken mag. Da führt eine breite Gerüst-Treppe bis fast zur Decke des Erdgeschosses, hängen gefaltete Bleche in Signalgelb und schwarze Dreiecke aus Dokabalken in gelber Umrahmung an der Wand.

Und das rechtwinklig abgespreizte Metermaß an der Wand? "Nein, das gehört nicht zur Ausstellung, das ist wirklich nur ein Werkzeug", erklärt Hans-Peter Miksch und räumt das Gerät diskret beiseite.

Diese unfreiwillige Demonstration der Überschneidung von Gebrauch und Exposition ist durchaus ein Türöffner für die Ausstellung "Structuring the Space". Ein weiterer Türöffnung ist die Erkletterung und Besetzung der Bautreppe, die dem Besucher ein neues Raumgefühl für die Kunstgalerie vermittelt. Zum Teil gebraucht der Schüler von Joachim Bandau und Hubert Kiecol seine Exponate als Readymade: als kaum verändertes Fundstück von der Baustelle.

So etwa ein gelbes Stahlblech mit einer öligen Verschmierung am oberen Rand. Man könnte die Verschmierung entfernen, aber sie kontrastiert so schön zum satten Gelb. Andererseits benutzt Richter seine Fundstücke als Collagen und Assemblagen. Holzkeile und Gerüststangen fügt er zu einer Skulptur zusammen, die anmutet, als hätten "Die kleinen Strolche" aus Baumaterial einen Weltraumsatelliten gebastelt. Gelb bemalte Holzträger schichtet der Künstler in mehreren Ebenen übereinander und hängt diese an die Wand.

Nun ist diese Kunst - anders als eine Steinskulptur - nicht festgefügt für die Ewigkeit. Kai Richter transportiert sie nicht so, wie sie ist, von seinem Düsseldorfer Atelier auf dem Lastwagen an und wieder ab, sondern liefert sie in Einzelteilen an und montiert sie an Ort und Stelle zusammen.

Dass es dabei zu Veränderungen kommt, dass manch Holz-oder Stahlelement in einem spitzeren oder weiteren Winkel absteht als in der Ausstellung zuvor oder dass das Holz manchen Kratzer abbekommt, ist beabsichtigt. Das garantiert den Skulpturen eine gewisse Wandelbarkeit, auch eine Anpassung an die wechselnden Ausstellungsräume. So verändern sich Richters Werke von Stadt zu Stadt bzw. jede Stadt kommt in den Genuss ihrer "eigenen Version" eines Richter-Kunstwerks.

Im Obergeschoss der Galerie gibt es auch klassische zweidimensionale Collagen. Dort montiert Richter Fotografien von Balken oder Gerüstträgern zu bizarren, nicht ganz der Logik des scheinbar dreidimensionalen Raumes gehorchenden Gebilden. Auch Betonringe - Fragmente von Betonröhren - lehnen dort aneinander. Selten wirkt der graue massive Beton derart fragil wie in diesen Fundstücken von der Baustelle.

(c) Reinhard Kalb

 

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