Nordbayerische Zeitung, 1. Mai und 2. Mai 2019

Raue Striche für bodenlose Storys


Künstlergruppe "Tonto" in Fürth Eine Begegnung mit der Künstlergruppe "Tonto", deren Comics ab Freitag in der kunst galerie fürth zu sehen sind.

Die Künstler der Moderne haben lange Diskussionen darüber geführt, was denn nun "high" sei, also Hochkunst, ernsthaft, museumsreif, was "low", eben Massenware, trivial, höchstens unterhaltsam. Aber auch Picasso hat Comics gezeichnet. Längst gelten sie als unbestrittener Teil der Bildenden Kunst, schürfen in Seelen, riskieren Formen. Und ihre Produzenten schließen sich in Gemeinschaften zusammen.

"Tonto" ist so eine Gruppe internationaler Künstler, die sich lieber in der Reihung von Bildern als im Einzelbild ausdrücken. Ihren Keim hat sie in Graz. Diesen Freitag wird in der kunst galerie fürth die "Tonto"-Ausstellung "Existenz und Petitessen" eröffnet. Die Gruppe feiert 25.Geburtstag. Aber wieso in Fürth?

"Ich habe in Fürth gewohnt", erklärt Michael Jordan. "Die Kunstgalerie hat mir das Angebot zu einer Ausstellung gemacht. Und ich habe gesagt: Nur mit 'Tonto'."

Michael Jordan, der gebürtige Erlanger, ist derzeit wohl der bekannteste Comic-Künstler aus der Region. Seine Arbeiten sind international präsent. Überall auf der Welt hält er Workshops. Beim Erlanger Comic Salon gehört er zum Kreativ-Team. Und seit 2003 arbeitet er mit "Tonto" zusammen und veröffentlicht in deren Anthologien.

Gemeinsam mit Edda Strobl und Helmut Kaplan, den "Tonto"-Gründern aus Graz, hängt Jordan derzeit die Ausstellung. Circa 15 Künstler werden vertreten sein. Grafik und Kleinobjekte gibt es zu sehen. Dazu bemalte Wände, "wenn der Platz reicht", wie Helmut Kaplan sagt.

In gezeichneten Träumen lauert der Alb

Kaplant ist nicht nur Zeichner, sondern auch Musiker. Ursprünglich hat der das Wort "Tonto" für ein Label experimenteller Klänge gefunden. Er dachte, das sein Wort ohne Begriff (und weiß es inzwischen besser). Edda Strobl hat Cover für das Musik-Label gezeichnet. Dann verschwand die Musik allmählich. Die Comics sind geblieben. Inzwischen hat Tonto internationale Kontakte. Namhafte Zeichner wie Aleksandar Zograf, Nicolas Mahler oder Ulli Lust arbeiten mit der Gruppe zusammen.

All diese Künstler haben eines gemeinsam: Sie befreien die Gattung der Comics aus marktgängigen Konventionen. Ihre Wurzeln liegen in dem Bereich, den man als Underground oder Independent bezeichnet. Freie Szene ohne Verlagsbindung könnte man auch sagen. Die Striche sind rau; die Storys haben Brüche. Erzählt wird von einer Welt, deren Umrisse und Aussichten unklar sind. In den gezeichneten Träumen lauert der Alb.

Helmut Kappler erzählt vom Unbewussten, aus dem die "Tontos" ihre Inspirationen schöpfen. Auf Exponaten ist Sigmund Freud zu sehen. Michael Jordan erinnert sich an eine intensive Künstler-Klausur, die merkwürdige Kräfte freisetzte. Edda Strobl beschreibt die Techniken dieser Art von Comic-Gestaltung: Zitat, Veränderung, Montage. Es sind Techniken der Kunst-Moderne. Allerdings werden sie "sequentiell" eingesetzt, also in Bilderfolgen, die Geschichten erzählen. Auch wenn diese Geschichten bei "Tonto" surreal sind und keinen Boden unter den Füßen kennen.

Die Geschichten werden in Alben veröffentlicht, die mehr den Charakter von Kunstbüchern haben. Früher hat man versucht, Anthologien im gleichen Format herauszugeben und dafür mit dem etablierten Comic-Verlag Avant zusammengearbeitet. Derzeit wird jedes Comic-Buch individuell gestaltet: groß, klein, dick, schmal, schwarz-weiß oder farbig. Die Kunst von "Tonto" ist nicht austauschbar. Und ihre Geschichten locken in Abenteuer ohne jedes sichere Ende.

(c) Herbert Heinzelmann

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