Nordbayerische Zeitung, 6./7.7.2019

Kunst-Rasen aus Fotopapier


Neue Werke von Günter Derleth in Fürth

Leute wie du und ich gehen in den Garten, um nachzusehen, ob die Rosen und Radieschen gedeihen, der Salat und die Süßkartoffeln schön wachsen. Auch Günter Derleth baut in seinem Fürther Freiluftrefugium Kostbarkeiten an. Und zwar Kunst.

Das tut er im wahrsten Wortsinn: Der Kreativ-Fotograf, der für seine Aufnahmen mit der Lochkamera weit über die Region hinaus bekannt ist, legt neuerdings Fotopapier im Rasen aus, drapiert darauf Efeu und Brombeeren, Salatblätter oder Blüten - und lässt die Bilder (vor Wind, Regen und seinen Katzen gesichert unter Plexiglas) in aller Ruhe wachsen und gedeiehn, knapp eine Woche lang.

Das Ergebnis ist so bezaubernd wie überraschend, so ästhetisch wie naturnah: Aus zwölf Einzelblättern hat er Blütenteppiche in zartem Violett, Grau und Rosé an die Wand in der Fürther Kunstgalerie gehängt. "Fünf Tage im Garten" heißt die entzückende Ausstellung von Günter Derleth, die dort zu sehen ist. Gewidmet wird sie dem gerne als "Magier der Camera obscura" bezeichneten Fotografen, weil er im Vorjahr den Sonderpreis für Kultur der Stadt Fürth gewonnen hat.

"Ich habe mich jetzt noch mehr entschleunigt und brauche zum Fotografieren nicht mal mehr eine Kamera", sagt Derleth über die ganz neuen Fotogramme, die sich quasi von selbst herstellen. Lange habe er sich gescheut, diese Technik anzuwenden, zu sehr stünde sie im Verruf was für Amateure und Kleinkinder zu sein. Inzwischen liebt er sie, steht als Berufsfotograf selbstbewusst dazu und schwärmt: "Das ist eine ganz und gar sinnliche Arbeit." Und eine, wie er sie mag: Vieles dem Zufall überlassen, nicht die makellose Perfektion abstreben, spielerisch mit den Dingen umgehen, melancholische Schönheit erzeugen und die kleinen Dinge in den Blick rücken.

In der Ausstellubngt zeigt er nicht nur die großen vielteiligen Blütenteppiche, sondern auch Einzelblätter mit Gemüse, Blumen, Blättern. Dass sie ganz unterschiedliche Anmutung haben, hängt mit der Wahl von verschiedenartigem, gerne auch älterem Fotopapier zusammen. Das kann und soll man übrigens auch anfassen: Es liegt eine Mappe aus, deren Blätter der Besucher im wahrsten Sinne begreifen soll.

Leute wie du und ich hängen allenfalls Vogelhäuschen in die Bäume im Garten. Bei Günter Derleth sind es Kameras, also seine mit viel Liebe und Kreativität selbst gebauten Camera obscuras. "Alles was einen Hohlraum hat und lichtdicht ist, kann zur Kamera werden", sagt er und zeigt Beispiele von der Kaffeedose bis zur Kakaoschachtel.

Fotopapier hinein, ein Löchlein in die gegenüberliegende Seite, ab an den Baum und nach acht Monaten wieder runter, dann das Farbnegativ in ein Positiv umwandeln und vergrößern: Fertig sind malerische Gartenblicke mit geheimnisvollen Lichtstreifen und der samtig wirkenden Oberfläche. In der Ausstellung werden nicht nur diese "Langzeit-Bilder" präsentiert, sondern auch die witzig-skurrilen Lochkameras, mit denen sie entstanden sind.

Überhaupt sind Derleths Werkzeuge inzwischen richtige Kunstwerke: Ja, auch aus Büchern kann man, wenn man sie aushöhlt, eine Lochkamera mit festem Stand machen. Und die Machart eines der verrücktesten Aufnahmegeräte wird in seinem Titel deutlich: "Weihnachtskugelpralinenpackungkaffeedosencameraobscura".

Birgit Ruf

 

Zurueck Zurück Versenden versendenDrucken drucken
2021 © kunst galerie fürth - Impressum