Nordbayerische Zeitung, 14.9.2019

Die Gier gibt der Kunst zu denken


Nina Staehli in der städtischen Galerie Fürth


Gier ist menschlich. Zumindest im Ansatz. Gut so? Schlecht so? Das zu bewerten ist nicht der Job von Nina Staehli. Als bildende Künstlerin vesteht sich die Schweizerin eher auf die Meisterschaft, Fragen zu stellen,ohne aufgeblähte Worte zu verlieren. Ihr Gedankenspiel lautet: Begierde, Leidenschaft, Egoismus - was, wenn es ein menschliches Organ dafür gibt?

In ihrer sehenswerten Ausstellung "Battlefields of Cupiditas" denkt, zeichnet und formt sich die Multimediakünstlerin die fiktive Möglichkeit eines "Gier-Organs" aus. Das Beweis-Material hat sie so vorsätzlich wie fantastisch gefaked. Als theoretisches Gerüst nutzt sie die staubtrockene Lexikonsprache der Medizin (Cupiditas sei zum Beispiel "ein mehrlappiges menschliches Organ...") ebenso wie vor Sinnlichkeit strotzende Aquarelle oder eine Filmarbeit über das "Gier-Organ".

Geld und Sex

Ein blitzblankes Labor zur Untersuchung der fragwürdigen Humanleidenschaft hat Staehli da im Fürther Galeriebau eingerichtet, klinisch streng, doch auch mit Spuren von Ironie und Verspieltheit versehen.

Es fängt ja schon mit der Eingangssituation an: Zwei pneumatische Riesenskulpturen aus PVC, die mit ihren großen Stummel-Ärmchen, Hörnern oder was auch immer gerade auf Tuchfühlung miteinander zugehen scheinen, lassen einen kaum zur Schiebetür herin. Goldbraun wie Geld das eine Unding, sexy rosa das andere, verschaffen sie sich maßlos, aalglatt und geradezu obszön viel Raum.

Denn Gier ätzt schwer: Vom Profitstreben in der Wirtschaft und im Sport über Machthunger in der Politik bis zum Rauschverlangen Süchtiger. Dass sich die Kampfspur um immer mehr längst auch durch die Vorgärten des Privaten frisst, wenn Freizeit optimiert, Lernerfolg erwartet, Hipness bis zum Letzten zelebriert wird - auch das erwähnt die Künstlerin im Katalog.

Staehli bedient sich für ihre assoziative Annäherung an das denkbare "Gier-Organ" einer bildhauerischen Formensprache, wo sie mehrdeutige Kleinplastiken in Schaukästen präsentiert, die an Geschwüre, an Herzbeutel oder auch an einen Wurf junger Ratten erinnern.

Als Malerin wiederum entwirft sie eine gespenstische Galerie voller Fratzen und Leidensantlitze von an Gier erkrankten Menschen. Dem nicht genug. In einem achtminütigen Film schieben Anzugträger, die monströse "Big Heads" auf ihren Schultern tragen, in der brutalistischen Kulisse einer alten Betonfabrik "Organ-Skulpturen" mit einem Schiebestock hin und her, als sortierten Feldherren ihre Truppen neu. In Staehlis durchaus politisch zu begreifender Kunst greift eins ins andere. Im Rahmen eines Migrationsprojekts war sie 2013 bei den Cherokee-Indianern in den USA. Dabei teilte sie Bögen mit der Frage aus, wo und in welcher Farbe im Körper die Native People ein denkbares Gier-Organ vermuteten. Das Ergebnis war bunt: Der eine verortete es im Kopf, der nächste nahe dem Herzen. Aus der Vielfalt der Farben, die genannt wurden, entstand ein flirrendes Bild.

Galerie-Leiter Hans-Peter Miksch weist im Katalog darauf hin, dass Staehli für den Titel der Schau wohlweislich das lateinische Wort Cupiditas (Begierde im Sinne von Begehrlichkeit) gewählt habe - die man durch Übung, Selbsterziehung, Reflexion in den Griff kriegen könne. Anders als Cupido - das die nackte Gier bezeichnet.

Christian Mückl




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