Nordbayerische Zeitung 18./19.1.2020 (textgleich Nordbayerische Nachrichten 20.1.)

Schönheit mit Abgründen


Roter Lack, lange Haare und feine Linien stecken in den Werken von Heidi Sill. In der kunst galerie fürth führt ihre Ausstellung "Under My Skin" an den Abgrund zwischen Schönheit und deren Zerstörung heran.

Rot, wie in Blut getränkt. Aber auch rot wie erotische Verheißung. Dieser Art irritieren gleich eingangs drei Models in meterhohen Fotografien.

Ihre Profilbilder hat Sill aus Hochglanzzeitschriften geschnitten, sie mit Nagellack beträufelt, das Papier zusammengeknüllt und danach als Fotoprint aufgezogen. Mit Rot überschüttet verlocken und erschrecken sie zugleich. Die Zerbrechlichkeit des Papiers scheint die Verwundbarkeit im Schmink-Geschäft des schönen Scheins, der Modebranche, nur noch zu betonen.

Den Vergleich mit einer Bergspitze wählt die Künstlerin für die Wirkung ihrer Werke selbst: Je nachdem, in welche Richtung man schaue, erblicke man ein anderes Tal.

Auf dem schmalen Grat zwischen absoluter Ästhetik und dem Absturz des Blicks ist Sill, geboren 1963 in Fürth, schon seit ihrem Debüt im Jahr 1994 unterwegs. So wie ihr nichts Menschliches fremd zu sein scheint, ist es auch mit der breitgefächerten Wahl der Stilmittel und Techniken für ihre Kunst. 2019 hat die Wahl-Berlinerin dafür einen Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten gewonnen. Regelmäßig ist sie in der Region präsent.

Wie schmerzhaft die Lust des Gefallenwollens und der manchmal dafür zu bezahlende Preis beieinanderliegen, thematisiert Sill mit einer Performance auf Video. Sie bat eine Schauspielerin, sich einen Abend lang die Fingernägel immer wieder rot zu lackieren - nur, um den Lack anschließend wieder abzukratzen. "Exposer" heißt das Werk, was im Französischen "sich zur Schau zu stellen" bedeutet, oder gar, sich zu prostituieren. Fingerzeige zu geben, ohne mit dem Finger auf einzelne Menschen zu zeigen, gelingt Sill so auf feinsinnige Art. Das Wechselspiel aus zart und hart, aus straff und filigran, lässt sich zudem vor ihren Installationen aus Edelstahlketten und Echthaar erspüren. Wie Amulette, wie archaische Bärte. Ungewöhnlich auch: ein behaarter Rundspiegel unter dem Titel "Wimpernschlag".

Sill beweist ein Händchen für Tuschezeichnungen mit sich kräuselnden Linien, fein wie Falten im Laken. Dass sie auch Textilkunst kann, zeigen Porträts von Gesichtern, deren Züge sie mit rotem Faden nachgenäht hat. Dazu sind Collagen zu sehen, messerscharf geschnittene und übereinandergelegte Fotos von Köpfen, Räumen, Interieurs. Sill bricht Masken auf. Für die Kunst ein Segen, für die Schönheit ein Fluch.

Christian Mückl

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