Fürther Nachrichten 14.5.2020

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Die kunst galerie fürth ist wieder offen - und zeigt mit Benjamin Moravecs verschachtelten Werken einen tollkühnen Zusammenprall malerischer Stile

Der Tod der Malerei kommt schleichend und unbemerkt. Die Abbildungs-Technik macht Fortschritte, auf einmal gilt das Handwerk wie auch die Vielfalt der Darstellung für überholt. Vor 150 Jahren hatten sich Fotografie und Malerei miteinander arrangiert; doch die Digitalisierung, die Kunst der Bildprogramme und der Bearbeitung hat ein derart hohes Niveau erreicht, dass manche akademischen Entscheidungsträger die Ausbildung von Malklassen inzwischen für obsolet halten.

So ist es 2001 Benjamin Moravec ergangen. Der Franzose tschechischer Herkunft hatte in Lyon Malerei studiert, als seine Klasse geschlossen, die Malerei an der Akademie komplett abgeschafft wurde. Statt Pinsel und Farbtopf regierten nun Kamera und Computer. Moravec fand einen Platz an der Kunstakademie Nürnberg, wo er sein Können vervollkommnete.

Tod der Malerei? "Westlich von Leipzig kenne ich keinen besseren figürlichen Maler", schwärmt Hans-Peter Miksch, Leiter der kunst galerie fürth. "Altmeisterlich! Aber hier zählt nicht, wie er es macht, sondern was er macht!" Da dachte man also, die gegenständliche Malerei sei längst auserzählt, sämtliche Techniken und Stile seien verfügbar. Doch Moravec ist ein Meister in allen malerischen Sätteln.

Sein Stilmittel ist die grafische Verschachtelung, das Bild im Bild im Bild. So präsentiert er auf einer Fototapete, die ein tropisches Panorama des romantischen Landschaftsmalers Frederic Edwin Church wiedergibt, vier Tafelbilder (Öl auf Holz) in einer Reihe. Auf diesen Tafeln sind kleine Gemälde als Bild im Bild wiedergegeben. Der Betrachter darf raten: Der Schädel da könnte von Cézanne sein, das panische Ross von Géricault, die Landschaft im Postkartenformat wiederum von Church, und dann gibt es noch ein Portrait eines Mannes. So weit, so gut. Doch alle vier Bildchen auf den Tafeln scheinen zu brennen, Flammen lodern empor. Der Zusammenprall verschiedenster Maltechniken, Formate und Stile irritiert und begeistert.

"The Day We Lost the Daylight" heißt die Ausstellung. Gleich zwei Bilder tragen diesen Titel, während die meisten anderen Gemälde ohne Namen auskommen. In diesen Bildern wird die Verschachtelung zur Perfektion getrieben. Ein Gemälde in glattem Auftrag, ein Frauenakt, steht auf einer Staffelei. Diese befindet sich vor einer nächtlichen Dschungellandschaft mit Vollmond. Doch die Staffelei befindet sich auf einer glatten anthrazitfarbenen Fläche, umgeben von prismatischen Strukturen, die wie aus Kunststoff wirken. Endlich fällt der Groschen: Die Staffelei befindet sich in einem Innenraum, die Landschaft ist eine Tapete, die den Raum auskleidet.

Die Welt als Zwiebelmodell

Weitere Gemälde zeigen Gemälde auf Staffeleien in Kabinetten mit prismatischen Vorsprüngen und Nischen, mit tropischer Vegetation bemalt. Am Rande des Bildes gerade noch erkennbar befindet sich der Freiraum um das Kabinett, eine diffus hingehauchte Landschaft. Die Welt als Zwiebelmodell. Das gemahnt an Platons Höhlengleichnis: Der Mensch in der Höhle hält die Schemen für real. Wenige Wagemutige wagen sich raus, gewöhnen sich an die Wirklichkeit, kehren zurück und versuchen, ihre Genossen aufzuklären. Diese aber halten an den Schemen fest. Umgekehrt finden die wahrhaft Sehenden nicht mehr in den Modus des tradierten Schemensehens zurück.

Sollte die Malerei tatsächlich vom Aussterben bedroht sein? Früher oder später dürfte der Mensch der Digitalität überdrüssig werden und zum analogen Denken und Darstellen zurückkehren. Benjamin Moravec könnte ein Pionier dieser Entwicklung werden.

Reinhard Kalb

 

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