Nürnberger Zeitung, 11/12.03.2006

Sehnsucht nach Entschleunigung


Fürth: Derleths "Camera obscura"-Künste

Er ist der Mann mit dem schwarzen Kasten, der das Loch aufmacht und wieder zu.

Er war der Werbefotograf, dem die Bilderflut nichts mehr gab:

"Die guten Fotografien macht nicht die Kamera, sondern der Kopf oder die Seele", sagt er. Er, das ist Günter Derleth. Und im Umgang mit der Lochkamera ist er mit Kopf und Seele dabei - wie seine sehenswerte Ausstellung "Mare" in der kunst galerie fürth es beweist.

Die "Camera obscura": Zunächst einmal wirkt sie antiquiert. Schon Aristoteles hat das Phänomen der Erzeugung eines auf dem Kopf stehenden Bildes beschrieben, wenn Licht durch ein kleines Loch in einen dunklen Raum fällt. Goethe nutzte die Technik als Darstellungshilfe.


Nie und nimmer digital

Weil Zufälligkeiten und glückliche Umstände auch noch die einzigen "Programmierungshilfen" dieser guten alten, leicht nachbaubaren Bilderkisten sind, wird man sie im Elektronikmarkt lange suchen. Die Fotografien, die durchs Loch kommen, lassen sich weder retuschieren noch verfremden. Sie sind das Gegenteil von digital.

Günter Derleth hasst Digitalkameras, wie er sagt. Dafür liebt er die Entschleunigung. Und lebt sie in Italien regelmäßig aus.

"Mare", das bedeutet in Fürth: Neben einer feinen Auswahl der mit der Lochkamera entstandenen Küsten-Bilder sind zwei Bilder-Serien zu sehen: "Zwölf Quadratmeter Adria" heißt die eine. Zwölf jeweils ein Quadratmeter große Unikate sind gehängt, die italienische Strandbäder in der Nachsaison zeigen. Die Gegenüberstellung von Negativ-Original und Positiv-Abzug hat dabei nicht nur ästhetische Reize, sie macht auch den fotografischen Prozess der Bildumkehrung deutlich.


Das Meer ist immer rechts von dir

Bei der zweiten Serie mit dem Titel "Das Meer ist immer rechts von dir" handelt es sich um eine kleinformatige Werkgruppe. Sie sind während einer Wanderung an der ligurischen Küste entstanden - und ebenfalls mit einer selbst gebauten Lochkamera aufgenommen. Diese Serie zeigt ein paar der frühesten Arbeiten des Fürthers, Jahrgang 1941, der nach drei Jahrzehnten in der Werbefotografie der zunehmenden Technisierung überdrüssig wurde, seine Studioarbeit an den Nagel hing und seit geraumer Zeit als freischaffender Künstler tätig ist.

Aber wie: An eine Welt fern der Moderne, fern der Übertechnisierung, auch fern der Italien-Urlaubsfoto-Schwemme gemahnen die - überwiegend in schwarz-weiß gehaltenen - Bilder in ihrer Weichzeichnung von Landschaften, Palazzi, Badehallen, Gemüse oder Obst. Statische Gegenstände wirken auf Grund der Tiefenschärfe traumhaft, mythisch. Das Meer erscheint glatt, bei den leergefegten Seebädern wird die Tristesse der Nachsaison noch betont.

Dass in den Aufnahmen der Strandhäuser keine Menschen zu sehen sind, obwohl Derleth zufolge etliche vorbeiflanierten, liegt weniger am Fotografen, der von sich sagt, er sei eben kein Porträtist. Die Ursache ist vielmehr in der Belichtungszeit zu finden, die bis zu sieben Minuten betrug - und so lange blieb keiner vor seiner schwarzen Kiste stehen. Rimini ohne Menschen? Die Belichtungszeit macht` s möglich!

Christian Mückl
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