Nürnberger Zeitung, 23./24.04.2004

Im Licht der Blauen Stunde


Erasmus Schröters Bunker-Bilder in Fürth

Die "Blaue Stunde" ist maßgeblich. Auf die 20 Minuten, in denen das Tageslicht weicht und die Nacht noch nicht da ist, arbeitet Erasmus Schröter hin. Mit einer Batterie an Beleuchtungen. Mit ein, zwei Assistenten. Mit der Idee im Kopf: Bröseligen Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg ein Strahlen zu verleihen, als wären sie aus Zuckerwatte und stünden in Fantasialand.

Sie existieren aber real. In ihnen starben Menschen. Atlantik-Wälle verkörpern Festungen des Kriegs. Schröter fotografiert sie, in kitschigstem Lila, in schimmerndstem Blau, in schärfstem Grün. Darf der das?

Verwundert, verzückt und verwirrt

Schröter, 1956 in Leipzig geboren, dann als Werbe- und Pressefotograf, schließlich als Künstler international erfolgreich, fotografiert die Bunker-Ruinen an Europas Küsten seit rund 20 Jahren. Verwundert die Einheimischen - etwa in Cherbourg, wo sie ihn nach gelungener Beleuchtung der dortigen Kriegs-Relikte sogar beklatschen ob der ungewohnten Perspektive. Verzückt die Betrachter, die seine Bilder sehen, ohne zu wissen, was darauf eigentlich zu sehen ist. Und die, die es wissen, sind verwirrt.

Elf "Bunker" sowie zwei Arbeiten aus der Serie "Blumen" sind nun unter dem treffenden Titel "Der verstellte Blick" in der Kunstgalerie Fürth zu sehen. Der Doppelcharakter der buntbestrahlten Bauten wird augenfällig: Das, was an sich fürs Destruktive steht, wird zur Augenweide. Was so faszinierend erscheint wie subversiv. Was die herkömmliche Aufarbeitung ins Mark trifft - denn welche Fotos kennen wir von Atlantik-Bunkern? Sachlich-dokumentierende in Schwarz-Weiß.

Indem Schröter die brach liegenden Bau-Ruinen mit Farben versieht, sie mit einem nahezu Caspar-David-Friedrich-mäßigem Sehnsuchtshimmel einfängt oder Gischt wie Traumnebel belichtet, lenkt er den Blick auf Gewesenes, das nach wie vor da ist. Vor allem aber: Er schafft, egal wie kitschnah er seine Kulissen der Realität mit Gespür für die Ausgestaltung von Formen und Farben inszeniert, den Bezug von Vergangenheit und Gegenwart.

Die Bruchstelle von Fiktion und Wirklichkeit ist die gemeinsame Klammer zur vorangegangenen Schau mit Werken von Oliver Boberg, der exakt umgekehrt vorgeht: Indem er Wirklichkeit nachbaut und fotografiert, erzeugt er Schein. Schröter beleuchtet die Realität, als wäre sie Fiktion. Das ist sehenswert.

Christian Mückl
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