Abendzeitung Nürnberg, 21.11.2003

Erinnerung an Vibrationen


Die kunst galerie fürth beschwört den "Hirschengeist" von Protze, Siegemund & Co.


"Kunst und sonst gar nichts" - Lässt sich so der Geist beschreiben, der in den 80er Jahren in der Fürther Hirschenstraße 28 herrschte? Margot Protze, die es wissen muss, hat die Parole als Hintergrund für einen silbernen Hirschen mit Kirsche am Geweih gewählt und den "Hirschengeist" so in einem Objektkasten konserviert. In der gleichnamigen Ausstellung in der kunst galerie fürth ist das die einzige unmittelbare Anspielung auf die Ateliergemeinschaft Hirschenstraße, die mehr teilte als nur die Arbeitsräume. Für Galeriechef Hans-Peter Miksch war das Haus "Brennpunkt der jungen, angehenden Künstlerszene im Großraum."

Margot Protze, Hjalmar Leander Weiss, Ralf Siegemund, Rob Vencl und Dieter Wittmann, der "harte Kern", den Miksch eingeladen hat, aktuelle Arbeiten auszustellen, standen damals am Karriereanfang. Ein Textilpraktikum an der Fachoberschule mit anschließender Ausstellung hatte bei ihnen über Berufs- und Lebensweg entschieden. Und der sollte - vorerst - nicht über die Kunstakademie, sondern direkt ins eigene Atelier und den Kunstbetrieb führen. 1982 mietete die Gruppe 400 Quadratmeter große renovierungsbedürftige Fabrikräume in der Hirschenstraße, in denen willkommen war, wer "ernsthaft" arbeiten wollte.

Ein gemeinsames künstlerisches Programm hatte die Ateliergemeinschaft nicht. "Was die Gruppe auszeichnete, war, dass sie Kunst und Leben gleichsetzte", meint Hans-Peter Miksch. Spontaneität, ein unbekümmerter Umgang mit Traditionen und unbändige Schaffenslust verband die wechselnden Atelierbewohner und mündete regelmäßig in gemeinsame Aktionen, Ausstellungen und legendäre Feste. "Das ganze Haus, wie es vibriert, sich verändert - ist ein Gesamtkunstwerk", beschrieb Hjalmar Leander Weiss die Stimmung. Ende der 80er Jahre begann es zu bröckeln. Das Gruppenleben verlor für die sich etablierenden Künstler an Bedeutung und das baufällige Haus an Substanz. Mit der Ausstellung und einem Begleitheft hat Miksch die Erinnerung wachgerufen und viele, hat er festgestellt, erinnern sich gerne. Denen, die überrascht sind, dass er die Gruppe so aufwertet, stellt er die Frage: "Wer macht die Kultur in einer Stadt aus, wenn nicht die Künstler". In diesem Sinne plant er für nächstes Jahr eine Ausstellung der Ateliergemeinschaft Friedrichstraße, zu der sich Christian Faul, Sigrid Stabel und Andreas Oehlert gefunden haben.

Ute Maucher
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