Nürnberger Nachrichten, 15./16.1.2011

Liebe zum Stepptanz und zu den Frauen


Die Kunstgalerie Fürth zeigt Werke von Christian Schad aus acht Jahrzehnten

Heute ist Christian Schad (1884–1982) vor allem als Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit der 20er Jahre bekannt. Ein Etikett, das dem Maler und Grafiker mit dem bewegten Leben nicht gerecht wird, wie die Kunstgalerie Fürth zeigt.

Rastlos war er, experimentierfreudig und unkonventionell, der Erotik und Esoterik zugetan: Christian Schad porträtierte Papst Pius XI. und Dompteusen in Strapsen, erfand 1919 noch vor Man Ray die Technik des Fotogramms und hat im Auftrag der Stadt Aschaffenburg die „Stuppacher Madonna“ von Renaissance-Meister Grünewald kopiert.

Dass er heute vor allem als Meister der Neuen Sachlichkeit gilt, liegt an seinen eindrucksvollen Frauen-Porträts: Distanziert und sachlich-kühl nähert er sich den Damen mit Bubikopf, selbstbewusstem Blick und (über)großen Augen. „Er hat sie schöngemalt“, sagt Hans-Peter Miksch, der mit dieser Ausstellung wieder einmal einen lehrreichen Blick zurück in die Kunstgeschichte wirft. Auch das gehört zu seinem Konzept in der Fürther Kunstgalerie. Zwar zeigt sie „nur“ kleinformatige Druckgrafiken und „Schadographien“, also die Fotogramme des Künstlers, die entstanden, indem er Gegenstände direkt auf lichtempfindliches Papier legte. Doch die vom Kulturfond Bayern und dem Schad-Archiv in Rottach-Egern geförderte Schau deckt ein Spektrum von acht Jahrzehnten ab — vom Expressionismus bis zum Magischen Realismus, von zarten Lithografien bis zu farbkräftigen Linolschnitten, vom frühen Selbstporträt als Holzschnitt (1915) bis zum letzten, das 1981 entstanden ist. Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts im Schnelldurchlauf in einer sehenswerten Ausstellung.

Nicht nur in seiner Kunst war Schad eigenwillig und eigenständig: Das Gymnasium verließ der junge Mann aus reichem Haus frühzeitig, um Kunst zu studieren, schmiss das Studium aber hin, was sein Lehrer in der Münchner Aktklasse kaum bedauert haben dürfte („Sie sind so eigenwillig. Ich will da nicht eingreifen“). Dem Militärdienst zum Ersten Weltkrieg entzog er sich, indem er einen Herzfehler simulierte. Erfolgreich übrigens: Er bekam ein Attest und ging in die Schweiz.

Spätere Stationen waren Wien,

Neapel, Rom und Berlin. Dort übernahm er 1935, als der spielfreudige Vater und die Inflation das Familienvermögen aufgezehrt hatten, die Vertretung einer bayerischen Brauerei. Noch lieber hätte er sich sein Brot mit Lassowerfen oder Stepptanz verdient — doch dazu reichte sein artistisches Talent wohl doch nicht ganz. Aber es war das, was er ganz offensichtlich liebte: Viele der 80 Exponate entführen in Varietés und die bunte Zirkus-Welt. 

Birgit Ruf
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