Donaukurier, Ingolstadt, 22. Januar 2012

Der geteilte Maler


Ausgerechnet der vor Jahresfrist drohenden Schließung verdankt die Städtische Kunstgalerie Fürth eine ihrer bedeutendsten, weit über die Region ausstrahlenden Ausstellungen seit Jahren:

Der Sammler Peter Mathar aus Düren hörte von den Fürther Sparmaßnahmen, denen die Galerie zum Opfer fallen sollte – und bot Galerieleiter Hans-Peter Miksch spontan an, sich für eine Ausstellung aus seiner privaten Sammlung mit Arbeiten des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer zu bedienen. Das Ergebnis ist jetzt zu sehen: Unter dem titelgebenden und so kryptischen wie politisch gemünzten Mattheuer-Zitat „Solange die Sonnen nicht im Schwarz ersaufen, will ich meine Bilder machen – trotz alledem“ und mit rund 70 Arbeiten.

Sie geben den Blick frei auf einen von der deutschen Teilung zerrissenen Künstler, der, zusammen mit Werner Tübke und Bernd Heisig, zu den Gründervätern der legendären Leipziger Schule gehörte.

Mattheuer (1927–2004) stand trotz seiner SED-Mitgliedschaft in kritischer Distanz zum DDR-Regime. Was sich in Bildern niederschlug, die gerade wegen ihrer ungeheuren politischen Symbolkraft umstritten waren, aber von den Menschen in der DDR durchaus als Kritik am real existierenden Sozialismus verstanden wurden. Am bekanntesten ist die riesige Eisenskulptur „Der Jahrhundertschritt“ – ein Mann, der einen Arm zum Hitler-Gruß hochreckt, mit dem anderen aber die sozialistische Faust ballt.

„Problembilder“ nannte Mattheuer, der sowohl auf der Kasseler documenta wie auf der Biennale in Venedig vertreten war, solche doppeldeutigen Arbeiten – und zeichnete die DDR als Insel, auf der sich eine Gruppe von Menschen in expressionistischer Verlorenheit zusammendrängt und sich, so der Bildtitel, frei nach Lenin fragt „Was tun“ Mythologische Figuren wie Ikarus und Sisyphos gerannen ihm immer wieder zu symbolträchtigen Bildern, die die Hoffnungslosigkeit menschlichen Strebens oder aber die Höhenflüge der Fantasie und ihren Absturz in die harte Wirklichkeit allegorisch verdichten.

Aber auch in seinen von ihm selbst so genannten „Erholungsbildern“, Landschaften und Idyllen, schwingt die politische Zeitgenossenschaft des Künstlers, der aus dem vogtländischen Reichenbach nahe zur bayerischen Grenze stammt, mit: Regenbogen wölben sich verheißungs- und sehnsuchtsvoll über den am Horizont sich verlierenden Landstraßen, und blutrot geht die Sonne im Westen unter. Wohingegen der Mond fahl im Osten aufgeht – Metaphern, die die deutsche Misere beschwören und die „Verpackte Gesellschaft“ als uniforme, gleichgeschaltete Figuren mit Pappschachteln anstelle des Kopfes abbilden. Ein Selbstbildnis zeigt Mattheuer denn auch als „deutschen Maler“, dessen Gesicht eine Linie scharf durchschneidet und in zwei Hälften, eine lachende und eine traurige, teilt: Die deutsche Teilung ist dem Künstler buchstäblich „ins Gesicht geschrieben“.

Friedrich J. Bröder

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