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10.3.2016 - Kunst & Kultur

Literaturpreis für Gila Lustiger

Die Autorin Gila Lustiger, 1963 in Frankfurt am Main geboren, wird in diesem Jahr mit dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth ausgezeichnet. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert. Die Verleihung findet im Rahmen eines öffentlichen Festaktes am Sonntag, 5. Juni, im Stadttheater Fürth statt; der Eintritt ist frei.

Lustiger studierte Germanistik und Komparatistik an der Hebräischen Universität in Jerusalem und  arbeitete zunächst als Lektorin und Journalistin. Seit nunmehr 20 Jahren veröffentlicht sie Romane. Zu ihren bekanntesten Werken zählen „Die Bestandsaufnahme“, „So sind wir“ und der 2015 erschienene Gesellschaftsroman „Die Schuld der anderen“, der wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Vor wenigen Tagen hat Gila Lustiger ihr neuestes Buch „Erschütterung: Über den Terror“ vorgestellt, in dem sie ihre Erfahrung der jüngsten Terrorakte in Paris beschreibt. Die Autorin lebt in Paris; ihre Bücher erscheinen im Berlin Verlag.

Entscheidung des Kuratoriums
„Am Anfang steht ein Verbrechen. Aber der Mord an der jungen Edel-Prostituierten ist nur der Ausgangspunkt zu einem schonungslosen, gleichwohl sachlichen und realitätsnahen Porträt von Frankreichs Gesellschaft heute: von chancenlosen, gewaltbereiten Migranten-Kids in den Banlieue bis zu den Reichen und Einflussreichen, von den Nöten der Arbeiter und Bauern bis zum Umweltskandal, von skrupelloser Gewalt und dem Totalversagen der Eliten in Politik und Wirtschaft.

Die Integrationspolitik ist gescheitert, die Grande Nation eine geschlossen Gesellschaft. Gila Lustiger gelang mit „Die Schuld der anderen“ eine Chronique Scandaleuse von großer Tiefenschärfe, genau recherchiert, erschreckend realistisch und mit Hochspannung erzählt. Am Rande streift sie die Frage jüdischer Identität, die sie als Schriftstellerin und Tochter des Frankfurter Historikers und Shoa-Überlebenden Arno Lustiger schon in früheren Büchern beschäftigte. Wie ist jüdisches Leben in Deutschland nach Auschwitz möglich, fragte sie im Roman "So sind wir", ihrem ersten Publikumserfolg. Und wie ihre Romanheldin erfuhr sie nur zufällig, aus der Presse, dass ihr Vater sieben Konzentrationslager überlebt hatte. „Die Bestandsaufnahme“, ihr Debüt von 1995, zählt zu den zentralen Werken der Nachgeborenen; ein Sittengemälde deutscher Wirklichkeit im nationalsozialistischen Deutschland, das in 35 Fragmenten Opfern wie Tätern nachspürt.

„Aus der schönen neuen Welt“ schildert eine Frau und Mutter in der Ehehölle mit kühler, ironischer Distanz. „Die Heimat der Nachgeborenen bleibt die Sprache, aber der Zauberstab ist zerbrochen“, schrieb Gila Lustiger in einem Essay. - Seit dreißig Jahren lebt sie als Lektorin, Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin in Paris. Als sie ihre Wahlheimat Frankreich nicht mehr verstand, spürte sie den sozialen Konflikten und Unterschieden nach, recherchierte und schrieb „Die Schuld der anderen“. Der 500-Seiten-Roman erschien im Januar 2015, wenige Tage nach dem mörderischen Anschlag auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und ist bis heute von bestürzender Aktualität. Wer die Disharmonien in Frankreichs Gesellschaft, die Verrohung Jugendlicher, die rechte Gewalt verstehen möchte, findet in dieser Kriminalgeschichte Antworten, ohne Schwarz-Weiß-Zeichnung, ohne „french-bashing“, dafür mit einer unerwarteten Volte am Ende.

Für ihre brisanten Vivisektionen unserer Gesellschaft in Romanen und Essays über zwanzig Jahre, für ihr widerständiges Erzählen im Sinne von Freiheit und Humanität, für ihre Szenen von jüdischem Leben nach der Shoa, ihre literarischen Kompositionen, ihre stilistische Eleganz, erhält Gila Lustiger den Jakob-Wassermann-Preis 2016.“

Informationen zum Preis
Der Jakob-Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth wird seit 1996 vergeben, um die Erinnerung an den bedeutenden Romancier zu pflegen, der 1873 in der Kleeblattstadt geboren wurde. Die Auszeichnung soll Autorinnen und Autoren würdigen, die sich wie Wassermann für Humanität, Toleranz und Gerechtigkeit einsetzen.

Mitglieder des Kuratoriums
Stimmberechtigte Mitglieder sind Oberbürgermeister Thomas Jung, Kulturreferentin Elisabeth Reichert,  Katharina Erlenwein, Kulturredak-teurin im Feuilleton der Nürnberger Nachrichten,  Professor Jens-Malte Fischer, Deutsche Akademie  für Sprache und Dichtung, Professor Gunnar Och, Lehrstuhl Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Friedrich Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Cornelia Zetzsche, Bayerischer Rundfunk Kulturkritik und Literatur. Nicht stimmberechtigte Mitglieder des Fürther Stadtrats sind Birgit Arnold und Angelika Ledenko.

Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger
Edgar Hilsenrath (1996), Hilde Domin (1999), Dagmar Nick (2002), Sten Nadolny (2004), Uwe Timm (2006), Robert Schindel (2007), Robert Schopflocher (2008), Feridun Zaimoglu (2010), Gerhard Roth (2012) und Urs Widmer (2014).


 

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